Photo Basel 2021: Eine Einladung in die Zukunft?

Die Welt verändert sich. Und ob wir wollen oder nicht, wir verändern uns mit ihr. Seit Kunstinteressierte vor hundertfünfzig Jahren im Tausch gegen ein Bild einem Maler noch ein Goldstück in die Hand gedrückt haben, ist schon einiges anders geworden. Auf einer der renommiertesten Fotoausstellungen der Welt, der Photo Basel, ist in diesem Jahr erstmals ein NFT-Kabinett zu sehen.

Auf speziell entwickelten Spezialbildschirmen von Samsung wird diese neue digitale Kunst vor Ort präsentiert. Gerade dieses NFT-Kabinett der Photo Basel ist eine Referenz für moderne Ausstellungen und zeigt eindrucksvoll, wie eine Messe auch hybrid funktionieren kann. Das Gold können Sie diesmal daheim lassen, denn selbstverständlich können Interessierte NFTs direkt mittels Cryptowährung käuflich erwerben.

Was ist NFT-Kunst?

Zunehmend hört und liest man von NFT-Kunst. Doch was versteht man darunter und für wen gibt es NFT-Kunst? NFT steht für Not-Fungible Token, also ein nicht ersetzbares digitales Objekt. Im Prinzip eine unveränderbare Zahlenfolge, die mit einem digital übertragbaren Produkt verknüpft und in einem Webprotokoll hinterlegt wird, ein digitales Etikett sozusagen.

Dadurch ist es mit NFTs möglich, ein digitales Produkt, das praktisch unendliche Male verlustfrei kopiert werden könnte, mit einem Eigentumsrecht zu belegen. Diese Art digitales Etikett, kennzeichnet das Original als solches. Ein NFT-Original kann gehandelt werden, wie ein herkömmliches Original eines jeden Objekts. Auch wenn es Millionen Kopien gäbe, es gibt eben nur die etikettierten Originale.

Ein Beispiel: Ihnen gelingt ein einzigartiges Foto mit Ihrer Digitalkamera oder Ihrem Handy. Dieses kann zwar unendlich oft kopiert werden und alle Welt mag es nach einer Zeit kennen, aber es gibt eben nur ein Original. Das, welches Sie besitzen. Wenn Sie wollen, können Sie dieses mit dem elektronischen Etikett versehen, also als Original kennzeichnen und als NFT verkaufen, verschenken oder anderweitig übertragen.

Sie könnten auch hunderte „Originale“ verkaufen, was aber natürlich den Wert der einzelnen „Originale“ senkt. Folglich geht es um den individuellen Wert, der dem Besitz einer digitalen Arbeit vom Markt zugemessen wird. Und der kann von Null bis zu einigen Millionen Dollar gehen.

NFT-Kabinett auf der Photo Basel 2021
NFT-Kabinett auf der Photo Basel 2021 / © André Wagner

Noch mag diese Art Kunst für die Masse nicht vollkommen greifbar sein. Auf jeden Fall ist der Besitz von NFT-Kunst etwas Neues und zunächst ungewohnt. Und dabei ist sie doch schon Gegenwart. Dass es sich wohl nicht um eine Eintagsfliege handelt, zeigen die Zahlen: Ungefähr 10% des Gesamtumsatzes aller verkauften Kunst weltweit machen im Moment NFTs aus. Und das sind immerhin schon einige Milliarden USD.

Ein deutsches NFT auf der Photo Basel: Megapixel

Mit dem NFT „Megapixel“[1] hat der deutsche Fotokünstler André Wagner ein Video-Experiment gewagt. Mit diesem NFT ist eine Art Spiegelbild der Überlegungen und Auseinandersetzungen entstanden, die normalerweise nur in der schrägen Gedankenwelt eines Künstlers stattfinden: Die Frage, was passieren mag, wenn sich ein einzelnes RGB-Pixel aus der Kamera befreien kann und ihm die Flucht zurück in den Raum gelingt.

Als riesengroßes „Megapixel“ fallen die Grundfarben aus ihrem RGB-Raum in den ursprünglichen, natürlichen Raum zurück, dessen Abbild sie auf der Fotografie eigentlich mitformen sollten. Doch ihre Bedeutung, ihr Impact im wirklichen Raum ist deutlich gewaltiger, als ihr anonymes Fehlen in der fertigen Aufnahme. Oder vielleicht auch nicht? Augenblicke später beginnen die Vögel schon wieder zu singen als sei nichts passiert. Surreal…

Und tatsächlich hat der Fotograf extra ein RGB-Pixel in den Daten der zugrunde liegenden Aufnahme gelöscht. Doch dieses fehlende Pixel ist auf Grund der praktischen Bedeutungslosigkeit des „Individuums“ Pixel zwischen Abermillionen anderer so gut wie nicht zu lokalisieren. Traurig? Normal? Real?

Noch bis zum 26. September dauert die die Ausstellung in Basel. Sie stellt die Frage in den Raum, ob unsere Zukunft für unsere Sinne in der Zukunft noch auf die gewohnte Art und Weise zu erfassen sein wird. Alltägliche Dinge, eine Fotografie, in einer Form, die sich uns als noch nicht vollkommen greifbar präsentiert, erscheinen ungewohnt, neu – und sind doch schon Gegenwart.

[1]In der Fotografie wird die Auflösung eines Bildes aus dem Produkt der Pixelanzahl pro Bild-Kante berechnet. Daher sind Megapixel ein fester Begriff (die Anzahl der Bildpunkte, aus denen sich ein Bild zusammensetzt, gemessen in Millionen).

Fotos / Quelle: © andrewagner.com

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